Allgemein - Vineta

Die Sage über Vineta - Teil 1
: "An der nördlichen Küste der Insel Usedom sieht man häufig bei stillem Wetter in der See die Trümmer einer alten, großen Stadt. Es hat dort die einst weltberühmte Stadt Vineta gelegen, die schon vor tausend und mehr Jahren wegen ihrer Laster und Wollust ein schreckliches Ende genommen hat. Diese Stadt ist größer gewesen als irgend eine andere Stadt in Europa, selbst als die große und schöne Stadt Konstantinopel, und es haben darin allerlei Völker gewohnt, Griechen, Slawen, Wenden, Sachsen und noch vielerlei andere Stämme. Die hatten allda jedes ihre besondere Religion; nur die Sachsen, welche Christen waren, durften ihr Christentum nicht öffentlich bekennen, denn nur die heidnischen Götzen genossen eine öffentliche Verehrung. Ungeachtet solcher Abgötterei waren die Bewohner von Vineta aber ehrbar und züchtig von Sitten, und in Gastfreundschaft und Höflichkeit gegen Fremde hatten sie ihresgleichen nicht." (Fortsetzung weiter unten)
Die Fakten:
Der Historiker Adam von Bremen (seit 1608 in Hamburg) schreibt in seiner berühmten Hamburger Krichengeschichte über Vineta: "Über die Lutizier hinaus....tritt uns der Oder-Fluss entgegen, der reichste Strom des Landes Slawien; an den Ufern desselben...bietet die sehr angesehene Stadt Jumne (Vineta) den Barbaren und Griechen, die dort wohnen, einen viel besuchten Standort dar (Jumne war im Altertum der Name für eine Landschaft, zu der die Inseln Usedom und Wollin gehörten E.R.). Weil nun zum Preise der Stadt viele und fast unglaubliche Dinge vorgebracht werden, so halte ich es für anziehend, hier einiges, das Erwähnung verdient, einzuschalten. Es ist wirklich die größte von allen Städten, die Europa einschließt. In ihr wohnen Slawen und andere Nationen, Griechen und Barbaren. Denn auch den dort ankommenden Sachsen ist unter gleichem Rechte mit den übrigen zusammen zu wohnen gestattet, freilich nur, wenn sie, solange sie sich daselbst aufhalten, ihr Christentum nicht öffentlich kund geben; denn alle sind noch im Irrwahn heidnischer Abgötterei befangen.
 Übrigens wird, was Sitte und Gastfreundlichkeit anbelangt, kein Volk zu finden sein, das sich ehrenwerter und dienstfertiger erwiese. Jene Stadt, welche reich ist durch die Waren aller Nationen des Nordens, besitzt alle möglichen Annehmlichkeiten und Seltenheiten. Dort befindet sich der Vulkanstopf, den die Eingeborenen das griechische Feuer nennen, dessen auch Solinus gedenkt. Dort zeigt sich Neptun in dreifacher Art, denn durch drei Meere wird jene Insel bespült, deren eins von ganz grünem Aussehen sein soll, das zweite aber von weißlichem; das dritte ist durch ununterbrochene Stürme beständig in wutvoll brausender Bewegung.
Von Jumne rudert man in kurzer Fahrt nach der Stadt Dymine (Demmin), die am Rande des Flusses Peanis (Peene) gelegen, wo auch die Rauen (Rügier) wohnen. 
Die Reise ist derart, dass man von Hammebure (Hamburg) oder vom Elbflusse in 7 Tagen nach der Stadt Jumne (Vineta) gelangt, und zwar zu Lande, denn will man zu Wasser reisen, so muss man von Sliesweg (Schleswig) oder Aldinbure (Oldenburg) zu Schiff gehen, um nach Jumne (Vineta) zu kommen. Von Jumne aus fortsegelnd, landet man in 14 Tagen in Ostragrod in Rutizien (Russland).
 Die Oder also... entspringt in einem sehr tiefen Meraher (Mährener) Wald, wo auch unsere Elbe entspringt; jedoch fließen beide nicht lange neben einander, sondern sie schlagen bald verschiedene Richtungen ein. Die eine nämlich, die Oder, wendet sich nach Norden, und fließt mitten durch die Stämme der Vinelier (Vineter) hindurch, bis sie nach Jumne gelangt, wo sie die Pomorjanen (Pommern) von den Wilzen scheidet, die andere aber, die Elbe, welche nach Westen zu strömt.“
(geringfügig gekürzt und sprachlich bearbeitet von E.R.):
Wo müssen wir Vineta suchen?
Es gibt drei Hypothesen für die geographischen Koordinaten der vor etwa 1000 Jahren versunkenen Stadt:
a) Vineta ist vor Koserow versunken (Bild: Die Ostsee vor Koserow), wie es die Sage überliefert hat. Der bekannte Swinemünder Historiker W. F. Gadebusch führt in seiner Chronik der Insel Usedom von 1863 u. a. folgende Argumente für diese Hypothese an:
-Steine aus dem Vinetariff vor Koserow, die in die Swinemünder Molen eingebaut wurden, wiesen Spuren der Bearbeitung durch Menschen auf.
- Wollin, vier Meilen vom Meer, mit einem träge dahin schleichenden, versandeten Fluss, kann niemals die große Handelsstadt an den drei Meeren sein, von der Adam von Bremen spricht.
- Aus allen Überlieferungen ist zu schließen, dass Vineta nahe der Peenemündung gelegen hat. Adam von Bremen schreibt von einer kurzen Ruderfahrt von Demmin nach Vineta, nachdem man das Achterwasser (die scythischen Sümpfe) berührt hatte.
- die drei Meere können dadurch erklärt werden, dass Vineta auf einer Landzunge vor Damerow gelegen hat (auf einer Seite Wind, auf der anderen ruhige See, im Süden das "grüne" Achterwasser).
- Der Historiker David Chyträus  siedelt in seiner "Chronicon Saxiniae" im 16.Jahrhundert Vineta "jenseits des Peeneflusses beim Dorfe Damerow" (ein Vorwerk von Koserow) an.
- Das Land der Vineter war Usedom, während Julin auf Wollin von den Pomorjanen bewohnt war.
b) Für Rudolf Virchow (geb. 1821 in Schievelbein, Pommern, Pathologe, Politiker, Begründer der Zellularpathologie und Mitbegründer der modernen Anthropologie und Ethnologie) war Wollin vor tausend Jahren eine reiche und mächtige Stadt mit bis zu zehntausend Einwohnern. Virchow war überzeugt: "Vineta ist Wollin!".
Der Stettiner Archäologie Władisław Filipowiak führt diese  Forschungen weiter. Er hat ca. 50 000 Fundstücke zusammengetragen, um  die Virchowsche These zu stützen..
c) Nach einer neueren These lag Vineta bei Barth (Goldmann und Wermusch). Hiernach ist die Peene früher nicht ins Oder-Haff geflossen. Das Oder-Urstromtal soll vielmehr über Anklam und Demmin nach Barth geführt haben und die Peene sei dort in den Barther Bodden gemündet.
Die Sage über Vineta - Teil 2: Die Einwohner trieben einen überaus großen Handel; ihre Läden waren angefüllt mit den seltsamsten und kostbarsten Waren, und es kamen jahrein, jahraus Schiffe und Kaufleute aus allen Gegenden und aus den entferntesten und entlegensten  Enden der Welt dorthin. Deshalb war denn auch in der Stadt ein über die Maßen großer Reichtum und das seltsamste und lustigste Leben, das man sich nur denken kann. Die Bewohner Vinetas waren so reich, dass die Stadttore aus Erz und Glockengut, die Glocken aber aus Silber gemacht waren; und das Silber war überhaupt so gemein in der Stadt, dass man es zu den gewöhnlichsten Dingen gebrauchte und dass die Kinder auf den Straßen mit harten Talern gespielt haben. Solcher Reichtum und das abgöttische Wesen der Heiden brachten aber am Ende die schöne und große Stadt ins Verderben. Denn nachdem sie den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihres Reichtums erreicht hatte, gerieten ihre Einwohner in große bürgerliche Uneinigkeit. Jedes von den verschiedenen Völkern wollte vor dem anderen den Vorzug haben, worüber heftige Kämpfe entstanden. Zu diesen riefen die einen die Schweden und die anderen die Dänen zu Hilfe, die auf solchen Aufruf, um gute beute zu machen, schleunig aufbrachen und die mächtige Stadt Vineta bis auf den Grund zerstörten und ihre Reichtümer mit sich nahmen. Dieses soll geschehen sein zu den Zeiten des großen Kaisers Karl.
 Andere sagen, die Stadt sei nicht von den Feinden erobert und zerstört worden, sondern auf andere Weise untergegangen. Denn nachdem die Einwohner so überaus reich geworden waren, da verfielen sie in die Laster der größten Wollust und Üppigkeit, also dass die Eltern die Kinder aus reiner Wollust die Kinder mit Semmeln wischten. Dafür traf sie dann der gerechte Zorn Gottes, und die üppige Stadt wurde urplötzlich von dem Ungestüm des Meeres zugrunde gerichtet und von den Wellen verschlungen. Darauf kamen die Schweden von Gothland her mit vielen Schiffen und holten fort, was sie von den Reichtümern der Stadt aus dem Meer herausfischen konnten; sie bargen eine Unmasse Gold, Silber, Erz und Zinn und von dem herrlichsten Marmor. Auch die ehernen Stadttore fanden sie ganz; die nahmen sie mit nach Wisby auf Gothland, wohin sich auch von nun an der Handel Vinetas zog.
 Die Stelle, wo die Stadt gestanden, kann man noch heutigentags sehen. Wenn man nämlich von Wolgast über die Peene in das Land zu Usedom ziehen will und gegen das Dorf Damerow, zwei Meilen von Wolgast, gelangt, so erblickt man bei stiller See bis tief, wohl eine Viertelmeile ins in das Wasser hinein eine Menge großer Steine, marmorner Säulen und Fundamente. Das sind die Trümmer der versunkenen Stadt Vineta. Sie liegen in der Länge, von Morgen nach Abend. Die ehemaligen Straßen und Gassen sind mit kleinen Kieselsteinen ausgelegt; größere Steine zeigen an, wo die Ecken der Straßen gewesen sind und die Fundamente der Häuser gestanden haben. Einige davon sind so groß und hoch, dass sie ellenhoch aus dem Wasser hervorragen; allda haben die Tempel und Rathäuser gestanden. Andere liegen noch ganz in der Ordnung, wie man Grundsteine für Gebäude zu legen pflegt, so dass noch neue Häuser haben erbaut werden sollen, als die Stadt vom Wasser worden verschlungen ist.
 Wie weit die Stadt der Länge nach sich in das Meer hinein erstreckt hat, kann man nicht mehr sehen, weil der Grund abschüssig ist, das Steinpflaster daher je weiter, desto tiefer in das Meer hineingeht, auch zuletzt so übermoost und mit Sand bedeckt ist, dass man es bis zu seinem Ende hin nicht verfolgen kann. Die Breite der Stadt ist aber größer als die von Stralsund und Rostock und ungefähr so wie die von Lübeck.
 In der versunkenen Stadt ist noch immer ein wundersames Leben. Wenn das Wasser ganz still ist, so sieht man oft unten im Grunde des Meeres in den Trümmern ganz wunderbare Bilder. Große, seltsame Gestalten wandeln dann in den Straßen auf und ab, in langen faltigen Kleidern. Oft sitzen sie auch in goldenen Wagen oder auf großen schwarzen Pferden. Manchmal gehen sie fröhlich und geschäftig einher; manchmal bewegen sie sich in langsamen Trauerzügen, und man sieht dann, wie sie einen Sarg zum Grabe geleiten. 
Die silbernen Glocken der Stadt kann man noch jeden Abend, wenn kein Sturm auf der See ist, hören, wie sie tief unter den Wellen die Vesper läuten. Und am Ostermorgen, denn vom stillen Freitage bis zum Ostermorgen soll der Untergang von Vineta gedauert haben, kann man die ganze Stadt sehen, wie sie früher gewesen ist; sie steigt dann, als ein warnendes Schattenbild, zur Strafe für ihre Abgötterei und Üppigkeit, mit allen Häusern, Kirchen, Toren, Brücken und Trümmern aus dem Wasser hervor, und man sieht sie deutlich über den Wellen. 
 Wenn es aber Nacht oder stürmisches Wetter ist, dann darf  kein Mensch und kein Schiff sich den Trümmern der alten Stadt nahen. Ohne Gnade wird das Schiff an die Felsen geworfen, an denen es rettungslos zerschellt, und keiner, der darin gewesen, kann aus den Wellen sein Leben erretten.
 Von dem in der Nähe gelegenen Dorfe Loddin führt noch jetzt ein alter Weg zu den Trümmern, den die Leute in Loddin von alten Zeiten her „den Landweg nach Vineta“ nennen.
 Erwin Rosenthal